Mehr Pippi Langstrumpf an unseren Schulen!

9. Juni 2009

Erschienen im Tagesanzeiger vom 9. Juni 2009 

Alle lieben Astrid Lindgren! In ihren Büchern spielen Kinder die Hauptrolle, die nicht nur am Rockzipfel der Mütter glücklich sind, am liebsten mit anderen Kindern spielen, sich selber zu beschäftigen und helfen wissen und den Erwachsenen auch mal die Stirn bieten. Pippi Langstrumpf, Michel von Lönneberga oder die Kinder aus Bullerbü haben uns in der Kindheit begleitet und sind zum Inhalt vieler Kinderträume geworden. Wer hätte nicht auch gerne in einer Villa Kunterbunt gelebt oder einen Sommer voller Abenteuer auf einer Schäreninsel verbracht.
Astrid Lindgren wollte nicht nur spannende Kinderbücher schreiben. Ihre Absicht war es, eine pädagogische Debatte über die Fragen auszulösen, wie Kinder eigentlich lernen und welches Lebensumfeld für Kinder förderlich ist. In Schweden ist ihr das gelungen. In der Schweiz sind ihre Botschaften bis heute zu wenig verstanden worden.  Und so können wir feststellen. Alle lieben Astrid Lindgren, aber kaum jemand will in der Schweiz die pädagogische Botschaft zur Kenntnis nehmen, die uns die legendäre Kinderautorin in ihren Büchern vermittelt. 
Die Diskussionen über unsere Schulen beziehen sich meist auf sogenannte strukturelle Fragen wie Klassengrössen, Anzahl Stunden für den integrierten Unterricht, Löhne oder generell Geld. Nur: In der sogenannten Strukturqualität ist die Schweiz Weltmeister: Die Schweiz hat kleinere Klassen, höhere Löhne und mehr Geld für die Schulen als jene Länder, die uns in den Pisa-Untersuchungen überflügeln.
Wenn sich viele Lehrkräfte in den Schulen nicht mehr wohl fühlen und sich weitherum ein Unbehagen breit macht, liegt das nur vordergründig an den Strukturen. Im Kern geht es um die Frage der Pädagogik und der Rolle der Lehrerin resp. des Lehrers. Kehren wir nochmals zu Astrid Lindgren zurück und schauen uns die Kernpunkte einer Kind-orientierten Pädagogik an:

  • Kinder lernen gerne und wachsen, wenn sie Hindernisse meistern können. 
  • Kinder lernen am meisten von anderen Kindern. 
  • Kinder lernen am besten, wenn die Beziehung zur Lehrperson gut und vertrauensvoll ist.
  • Kinder lernen  am besten in einer Umgebung, in der sie als Individuum wahrgenommen und wertgeschätzt werden. 
  • Kinder lernen überall und immer. Lernen ist nicht auf die Schule beschränkt.
  • Kinder brauchen Autonomie und Freiraum. Sie gehören sich selber und sind von klein auf in der Lage, eigene Empfindungen und Meinungen zu äussern.

Kinder brauchen also nicht in erster Linie Lehrkräfte als „Unterrichter“, die belehren. Die zentrale Aufgabe der Schule ist, das Lernen zu fördern. Damit das gelingt, braucht es weder Drill noch Larifari, sondern eine Beziehung, die auf Respekt, Anerkennung und Ermutigung beruht. Der stark lehrerzentrierte Unterricht stösst dabei logischerweise an seine Grenzen. Fortschrittliche Schulen in der Schweiz und in vielen anderen Ländern haben denn auch vor allem die Rolle der Lehrkräfte und die Lernumgebung neu gestaltet.
Vordergründig spielen in diesen Schulen die Lehrkräfte eine weniger zentrale Rolle. Die Kinder lernen weitgehend selbstständig  -  manchmal alleine, manchmal in Gruppen, manchmal in Experimenten, manchmal in Trainingseinheiten. Kinder helfen sich dabei gegenseitig und holen sich die Unterstützung bei den Lehrkräften. Diese bringen nicht bei, sondern coachen das Lernen.
Damit diese Schule funktioniert, braucht es ein pädagogisch, methodisch und organisatorisch sehr gut durchdachtes Konzept. Der Stoff muss so aufbereitet sein, damit ihn sich die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten und in unterschiedlichem Lerntempo aneignen können. Individuelle Ziele und Lehrpläne gehören genauso dazu wie abwechslungsreiche und motivierende Lerneinheiten.
Aber können Kinder denn so selbständig arbeiten? Ja, wenn sie es in der Schule nicht verlernen! Werfen wir mal einen Blick in einen Kindergarten. Dort ist eine einzige Lehrperson für bis zu 20 fünf- oder sechsjährige Kinder zuständig. Die meiste Zeit beschäftigen sich die Kinder im sogenannten Freispiel, was nichts anderes ist als freies, selbständiges Lernen. Auf dieser Pädagogik aufbauend haben die nordischen Länder, aber auch viele erfolgreiche Schulen in Kanada, in Südafrika und in England ihre Unterrichtswirklichkeit neu gestaltet. Kinder sind in der Lage, Verantwortung für ihr Tun und damit auch fürs Lernen zu übernehmen. Man muss es ihnen nur zutrauen und ermöglichen.
Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder selbständig lernen und entdecken lassen, haben mehr Zeit für die Beziehungen zu den Kindern und für eine individuelle Unterstützung. Statt vor der Klasse zu stehen und etwas zu erzählen, das für die einen zu schwierig und für die anderen zu einfach ist, können sie mit gezielten Impulsen Blockaden lösen oder mit einer geschickten Frage das Kind auf die richtige Spur bringen. Und so ist plötzlich allen viel wohler als in konventionellen Schulen, wo sich Lehrkräfte zwar nach Kräften bemühen, allen Kindern gerecht zu werden, dies aber nie schaffen werden.
Astrid Lindgrens Kinder sind keine Romanfiguren. Astrid Lindgrens Kinder sind ganz normale Kinder – es sind auch unsere Kinder. Deshalb brauchen wir Schulen, die Kinder in ihrem Lernwillen und in ihrer Persönlichkeit ernst nehmen.  Deshalb brauchen wir mehr Pippi Langstrumpf an unseren Schulen. 

Gespeichert unter: Bildung stärken

1 Kommentar Kommentar hinzufügen

  • 1. karlo  |  18. Juni 2009 um 21:37

    Super Beitrag. Entspricht genau auch meiner Meinung.
    Leider kann ich Sie als St. Galler nicht wählen.

    Was Sie jedoch ausser Acht gelassen haben, ist, dass die vielen Erlebnisse, die Lindgren so wunderschön beschreibt, in der Freizeit der Kinder stattfindet.
    Freizeit, Freiraum etc.für Kinder bekommen einen viel zu kleinen Stellenwert in unserer Gesellschaft.
    Mein 8-jähriger hat eine 28-Lektionen-Woche plus 5-6 Stunden Hausaufgaben. Da bleibt kaum Zeit, um eine Villa Kunterbunt zu besuchen resp. sich im nahen Wald mit Nachbarskinder auszutoben. Obwohl gerade bei 7-8 jährigen die körperlich aktivste Phase ihres ganzen Lebens stattfindet.
    Das überaus wertvolle Lernen von Kindern durch Kinder hat kaum mehr Platz.
    Die Umwelt, in der Kinder aufwachsen, wird für sie immer entwicklungsfeindlicher.
    Wenn man dann noch Statistiken liest, dass je verkehrsreicher eine Strasse desto kinderreicher die Bewohner, weil Familien zu den Ärmsten gehören und die billigsten Wohnungen an verkehrsreichens Strassen liegen, wundert es mich nicht, dass der Staat durch immer mehr Förderaufwand an Schulen, Tagesschulen, Spielgruppen, Krippen etc. künstlich Entwicklungsrückstände “normalisieren” muss.

    Die Attraktivität eines Wohnquartiers sollte nicht nach Erreichbarkeit mit dem Auto resp. direktem Zugang von der Tiefgarage in die Wohnung gemessen werden, sondern an der Kinderentwicklungsfreundlichkeit der Umgebung.
    Da haben Behörden insbesondere Bauämter in den letzten Jahrzehnten viele Kosten verursacht, die heute bei Schulen anfallen und statt als Sozial- als Bildungsausgaben ausgewiesen werden.

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