Wo ist das Problem?
10. Dezember 2009
Ich habe mich getäuscht. Natürlich habe ich die Stimmen gehört, die vor der Abstimmung zur Minarett-Initiative von „vielleicht müssen wir mal ein Zeichen setzen“ gesprochen haben. Doch ich war mir sicher, dass diese Leute mit dem Stimmzettel in der Hand wissen, dass Abstimmungen nicht da sind, um Zeichen zu setzen, sondern um zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass sich die Leute nicht von Scheinlösungen für reale Probleme verführen lassen. Ich war mir sicher, dass die Leute letztlich wissen, dass es eine Linie gibt, die von einer Volksmehrheit nicht überschritten werden darf. Ich habe mich getäuscht.
In unzähligen Analysen wurde in den letzten Tagen versucht, die Hintergründe des Resultats vom letzten Sonntag zu verstehen. Viel Gescheites und Wichtiges wurde gedacht und geschrieben. So zum Beispiel das Essay von Charles Lewinsky oder der Hintergrundartikel von Hannes Nussbaumer oder der Kommentar von Daniel Binswanger. Sie alle weisen auf die Grenzen der Demokratie hin, machen klar, dass die Mehrheit nicht alles dürfen darf und schreiben gegen das Einknicken an. Sie alle haben Recht. Ihren Worten müssen Taten folgen. Doch meiner Ansicht nach müssen wir in der Analyse noch etwas tiefer gehen.
Was ist passiert? Gehen wir von der einfachen aber wohl ziemlich präzisen Annahme aus, dass in der Schweiz ein Drittel gegenüber Ausländerinnen und Ausländern skeptisch bis feindlich eingestellt ist und ein zweites Drittel dezidiert nicht fremdenfeindlich ist. Und gehen wir davon aus, dass das mittlere Drittel darüber entscheidet, wohin die Nadel am Abstimmungsabend zeigt. Wer dieses mittlere Drittel überzeugt, gewinnt und bestimmt. Damit sind wir im Kern eines Problems, das weit über die Minarett-Initiative hinaus reicht. Die Drittelsregel gilt nämlich grundsätzlich für die Frage der Modernisierung und der Öffnung. Ein Drittel der Bevölkerung ist rückwärtsgewandt und isolationistisch, ein Drittel schaut optimistisch in die Zukunft und ist weltoffen. Und auch hier entscheidet das mittlere Drittel. Diese Menschen orientieren sich an der öffentlichen Debatte. Sie empfinden das als Problem, was in der Öffentlichkeit als solches dargestellt wird. Und so kam es, dass sich der Grossteil dieser Menschen während der letzten Jahre einreden liess, der Islam sei in unserer Gesellschaft ein zentrales Problem. Unterdrückte Frauen, Terrorgefahr, Machismus und wegen Schuldispens benachteiligte Kinder rückten als Folge ins Zentrum der Diskussion. Resultat: Auf falsch gestellte Fragen folgten falsche Antworten.
Vor diesem Hintergrund wird klar, was Sigmar Gabriel meint, wenn er in seiner Rede nach der Wahl zum neuen SPD-Präsidenten von der Deutungshoheit über die gesellschaftliche Mitte spricht: „Wer die Deutungshoheit über die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen besitzt, steht in der Mitte der Gesellschaft.“ Einfacher ausgedrückt: Die Mitte gewinnt, wer den Menschen in der Mitte glaubwürdig erklären kann, wo das Problem liegt.
Leider habe die Linke, so Gabriel weiter, in den vergangenen Jahren den Begriff der Mitte vollkommen falsch verstanden. Sie sei dem Ratschlag der Politologen gefolgt und habe die Mitte als eine statische Grösse gesehen, der man sich annähern müsse. Der neue SPD-Chef zieht über diese Epoche ein bitteres Fazit: „Statt die Mitte zu verändern, haben wir uns verändert.“ Gabriel unterstreicht, dass der Kampf um die politische Mitte das Gegenteil von Anpassung sei. Die Linke müsse vielmehr um die Deutungshoheit kämpfen und die Mitte mit emanzipatorischen und aufgeklärten Argumenten erobern.
Die politische Mitte ist nach Gabriel kein fester Ort, keine bestimmte Gruppe. Das gilt wohl auch für die Schweiz: Die politische Mitte ist dort, wo das Spiel entschieden wird. Wer es gewinnen will, muss erklären können, wonach sich die Mitte sehnt. Und er muss klar machen, wie er diese Sehnsucht politisch zu erfüllen gedenkt. Das ist Deutungshoheit. Und die hat die SP Schweiz – aber auch die anderen Sozialdemokratischen Parteien Europas – in den letzten zwei Jahrzehnten schleichend verloren. Nur so ist zu erklären, dass die Menschen der politischen Mitte in der grössten Wirtschaftskrise unserer Generation das Gefühl haben, die muslimische Bevölkerung sei ein wichtiges Problem für die Zukunft unseres Landes. Und darob verdrängen, dass die wahren Probleme in einer Wirtschafts- und Sozialpolitik liegen, welche den Menschen schleichend den Teppich unter den Füssen wegzieht.
Für mich ist klar: Die Menschen der politischen Mitte sehnen sich nicht nach einem Leben, das von Angst, Ausgrenzung und Egoismus geprägt ist. Sie folgen diesen Gefühlen, welche die Rechtskonservativen geschickt und beharrlich nähren, vielmehr mangels Alternativen. Für die Alternativen sind wir Linken verantwortlich. Sie heissen Hoffnung und Perspektive. Sie heissen gestalten und anpacken.
Unsere Politik muss den Menschen der politischen Mitte die Gewissheit zurückgeben, dass eine bessere Zukunft für alle möglich ist. Dass es politisch möglich ist, gegen Abzocker vorzugehen. Dass es politisch möglich ist, Mindestlöhne einzuführen und Lohndumping zu verhindern. Dass es politisch möglich ist, mit erneuerbaren Energien die Klimaerwärmung zu stoppen und eine zukunftsfähige Industriepolitik zu entwickeln. Dass es politisch möglich ist, Weiterbildung und Umschulung für Alle anzubieten. Dass es politisch möglich ist, überrissene Mietzinse zu bekämpfen und den sozialen Wohnungsbau zu fördern. Dass es politisch möglich ist, mit Zuwanderung das Wirtschaftswachstum zu fördern, statt die Arbeitslosigkeit zu verschärfen.
Die Menschen brauchen wieder Boden unter den Füssen. Sie wollen ihren Platz in der Gesellschaft kennen. Sie wollen wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell in der Schweiz zuhause sein. Sie wollen die Gewissheit, dass es sie bei allen Veränderungen nicht unter die Räder kommen und weiterhin mitreden und mitgestalten können. Sie wollen ökonomische und soziale Sicherheit.
Wir müssen die Deutungshoheit und damit die Definitionsmacht über die Fragen und Antworten unserer Zeit zurück erobern. Wir müssen die Sehnsucht der Menschen in Worte fassen und aufzeigen, wie wir diese Sehnsucht politisch gemeinsam erfüllen können. Wir müssen die Mitte der Gesellschaft gewinnen, indem wir aufzeigen, dass ein System von Scheinproblemen und Scheinlösungen ein Irrweg ist. Wir müssen erklären, dass diese Scheinpolitik den Rechtskonservativen nur dazu dient, nicht über tatsächliche Politik und damit über die sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen sprechen zu müssen. Wir müssen klar machen, wo das Problem ist.
Gespeichert unter: Abstimmungen,Integration verbessern



2 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. Andri Janett | 8. Januar 2010 um 14:26
Hallo Jacqueline,
Endlich habe ich Zeit gefunden den ganzen Beitrag zu lesen. Ich bin aus der SP Töss, und wir sind uns schon ab und zu begegnet (Sessionspalaver…).
Auch ich war geschockt über das Abstimmungsresultat, und das was darauf folgte. Die Mitteparteien haben ihre eigenen Hirngespinnste präsentiert, wie man gegen die schleichende Islamisierung vorgehen könnte, und dabei nur versucht die SVP zu kopieren. Die SP hat einen Manifest ins Internet gestellt, wo ich mich Frage, was bringt das? (Es hat 7000 Unterschriften, bei wievielen SP Mitgliedern?; die Facebookgruppe “ich schäme mich für das Minarett-Verbot” hat 84’000 Mitglieder; die SP erreicht die Leute nicht richtig).
Was sind die Folgen der Minarett-Initiative? In erster Linie ist es ein PR-Erfolg der SVP, dann hat er Ruf der Schweiz im Ausland gelitten, während andere europäische Rechtsparteien die Initiative gerne kopieren würden, und die Muslime dürfen keine Minarette mehr bauen. Es klingt vielleicht komisch, aber das Letzte ist eigentlich das kleinere Problem, vor allem darum, weil mir die anderen um einiges mehr Sorgen machen.
Was wäre eine gute Reaktion auf die Minarett-Initiative? Meiner Meinung nach müsste man einen neuen Religionsartikel einführen, der die Rolle der Religionen klar definiert. Jeder ist frei seine Religion auszuüben, ob alleine oder in einer Gemeinschaft, aber nur solange die Religion nicht den Gesetzen entgegen läuft. Der Staat und die Gesetze stehen über der Religion.
Jede Religionsgemeinschaft die annerkannt werden möchte, muss sich zu dazu bekennen, die Schweizer Gesetze zu achten, und ihre Leitbücher dementsprechend auszulegen. Das hätte zur Folge dass anerkannte Religionsgemeinschaften die sich nicht daran halten zur Rechenschaft gezogen werden können, und Gemeinschaften die nicht annerkant sind, könnten im Extremfall gar verboten werden.
Einige werden sagen, dass das gegen die Religionsfreiheit verstösst. Ich bin aber der Meinung, dass die Religionsfreiheit genau wie jede andere Freiheit ihre Grenzen hat. Diese Grenze ist dort, wo die Religionslehre im Konflikt mit dem Gesetzestext oder gar anderen Grundrechen gerät, und in einem modernen Staat stehen die Gesetze und die Grundrechte klar über der Religion.
Ich hoffe ich konnte die Idee einigermassen klar machen (ich bin nicht so gut mit Worten). Zum allgemeinen Problem der Linken schreibe ich weiter unten noch etwas.
Gruss Andri
2. Andri Janett | 8. Januar 2010 um 15:24
Das Ja zur Minarett-Initiative steht für grössere Probleme, als nur die Minarette, und um diese zu lösen braucht es mehr als nur den Religionsartikel den ich oben beschrieben habe.
Der Ansatz von Sigmar Gabriel ist ganz gut, aber was heisst das für die SP, und wo liegen die Probleme der SPSchweiz?
Die Probleme sind meiner Meinng nach sehr vielschichtig, sie lassen sich aber einfach zusammenfassen. Die SP wird in weiten Teilen der Bevölkerung nicht respektiert. Woher kommt das?
-Wir sprechen wichtige Probleme an, aber kommunizieren diese und die Lösungen dazu nicht in der Sprache der Strasse (Ich habe vor den letzten Kantonsratswahlen einen SP-Offiziellen sagen hören, dass unsere Wähler Wahlplakate mit mehr Text gegenüber solchen mit einfachen Schlagzeilen bevorzugen; ich habe mich gefragt, ob er von gut 20% spricht die wir haben, oder von den 30% die wir gerne hätten).
-Wir sprechen Probleme die den Leuten unter den Fingern brennen (und von den Medien aufgegriffen werden) gar nicht, oder völlig falsch an.
-Die SP sieht gegenüber der SVP schwächlich aus und ist ständig in der Defensive, sei es bei Inseraten oder bei Diskussionen von Vertretern am Fernsehen
-Einige Vorschläge der SP sind etwas Utopisch, und sprechen nur den Linken Flügel der eigenen Partei an, anstatt bis weit in die politische Mitte zu reichen
-Die Ideen der SP zu aktuellen Problemen sind zum Teil sehr Idealistisch (Prävention bei Jugendgewalt ist gut, aber ohne Strafen geht es nicht; Integration ist nicht nur Aufgabe des Staates, vom zu Integrierenden soll auch etwas gefordert werden können; Vertrauen bei der IV und Sozialhilfe ist gut, Kontrolle ist besser)
-Die SP will einen starken Staat der viele Aufgaben erfüllt, dieser muss aber von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert werden, und dazu muss er seine Aufgaben effizient und möglichst fehlerfrei erfüllen. (Die Verwaltung der Behörden muss sich an den besten der Privatwirtschaft messen)
-Die SP macht sich für Minderheiten stark (Asylbewerber, Sans Papier, Sozialhilfeempfänger, Invalide…)zu denen wie der Name schon sagt nur eine Minderheit gehört; sogar ich in der SP habe manchmal das Gefühl, dass die SP einen etwas zu grossen Teil ihrer Energie für diese aufwendet, anstatt für andere Probleme
-Die SP verliert Wahlen (das ist zwar die Folge der zuvor angesprochenen Punkte, es sorgt aber ebenfalls für den Verlust von Respekt der SP gegenüber)
-Die SP denkt nicht langfristig. Um politisch Relevant zu bleiben darf sie nicht nur ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Die SP muss hart daran arbeiten ihre Position in der Parteienlandschaft zu verteidigen und auszubauen. Es bringt nichts (zu) Linke Ideen zu vertreten, wenn zu wenige dahinter stehen, das wäre langfristig der untergang der SP. Die SP muss auch versuchen mit Populären, nicht ganz so Linken Ideen, beim Volk zu Punkten und Siege zu erringen. Lieber ein ganz kleiner aber dafür kräftiger Schritt in etwa die richtige Richtung als einen grossen auf wackligen Füssen bei dem man wahrscheinlich auf die Nase fällt. Dieser Letzt Punkt ist sehr wichtig, die SP hat in den letzten ca. 20 Jahren vieles falsch gemacht (und ist trotzdem noch die 2. stärkste Partei), es braucht viel Zeit bis diese Fehler wieder ausgebessert sind.
Meine Aufzählung bezieht sich nicht auf die Arbeit der SP in Parlament; dort leistet sie meines erachtens gute Arbeit, und holt sehr viel heraus; leider lassen sich diese Erfolge nicht in Wahlerfolge ummünzen, da sich recht wenige Leute für das Geschehen in Bundesbern interessieren.
So das wäre mein 2. Teil gewesen.
Gruss Andri
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