Ich bin bereit!

26. August 2010

Es gilt das gesprochene Wort!

Die meisten von euch haben mich auf einem Stück meines Lebens begleitet. Ich freue mich deshalb sehr, dass ihr heute Abend dabei seid. Es ist schön, den Start meiner Bundesratskandidatur hier in diesem Kreis bekannt zu geben.

Ja, ich habe Ja gesagt. Ich habe mein Interesse für eine Bundesratskandidatur bei der Kantonalpartei angemeldet. Am nächsten Montag wird die kantonale Delegiertenversammlung definitiv darüber entscheiden, ob sie mich auf diese abenteuerliche Reise schicken will.

Politik ist meine Leidenschaft. In der Politik kommen Menschen mit unterschiedlichen Haltungen und Meinungen zusammen. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Sie begründen ihre Haltungen auf unterschiedlichen Erfahrungen. Doch etwas verbindet sie: Sie sind bereit, sich für unsere Gesellschaft zu engagieren. Und deshalb fühle ich mich in der Politik wohl.

Ich möchte die Sozialdemokratische Partei und damit Menschen, die uns vertrauen, im Bundesrat vertreten. Ich möchte das, was ich am liebsten tue, in einer neuen Rolle und einer neuen Aufgabe weiterentwickeln. Ich möchte dabei weiterhin zusammen mit gleich- und andersdenkenden Menschen politische Lösungen suchen und für diese kämpfen.

 
Der Entscheid

Ich fühle mich im Nationalrat sehr wohl. Bei aller Liebe zur Parlamentsarbeit reizt mich aber der Schritt in die Exekutive, weil dort der politische Gestaltungsraum besonders ist.

Schon vor dem Rücktritt von Moritz Leuenberger wurde ich gelegentlich als mögliche Kandidatin für dessen Nachfolge genannt. Mit seinem Rücktritt hat sich die Frage dann aber ganz konkret gestellt und mir war klar: Dieser Entscheid ist für mein Leben von so grosser Tragweite, dass ich ihn sorgfältig fällen muss.

Das habe ich getan. Heute freue ich mich, dass ich mit Überzeugung sagen kann: Ja, ich möchte Bundesrätin werden.

Ich kandidiere mit Überzeugung, weil ich weiss, dass meine politischen Erfahrungen der letzten 20 Jahre mir einen grossen Rucksack mit auf den Weg geben.
Ich kandidiere mit Überzeugung, weil ich weiss, dass mir die Arbeit in unserem System der Konkordanz liegt.
Und ich kandidiere mit Überzeugung, weil ich weiss, dass ich mich mit voller Kraft einem Bundesratsamt widmen könnte und dass gleichwohl meine Kinder und die Menschen, die mir wichtig sind, weiterhin auf mich zählen könnten.

Ich bin bereit für die Kandidatur und freue mich auf das, was auf mich zukommt.

 
Herkunft und Wurzeln

Dort, wo ich geboren wurde, kommen in der Regel keine Bundesrätinnen auf die Welt. Dass es mir trotzdem möglich wird, für dieses Amt zu kandidieren, betrachte ich als ein grosses Privileg und als eine grosse Verpflichtung. Meine politischen Vorkämpferinnen und Vorkämpfer haben mir das ermöglicht, was ich heute bin. Ich konnte als Kind aus sehr einfachen Verhältnissen gute Schulen besuchen, ich konnte als Frau in den 90er-Jahren die Früchte der Frauenbewegungen ernten, ich konnte als Vertreterin meiner Partei eine politische Laufbahn einschlagen, die für mich Lebensschule und Lebenschance in einem war. Hier weiterzuarbeiten, ist meine Motivation.

Ich bin mit Haut und Haar Sozialdemokratin. Sozialdemokratin sein heisst für mich, konkrete politische Lösungen zu suchen. Egal ob es um die finanzielle Sicherheit der Familien oder die Finanzierung des Agglomerationsverkehrs geht, egal, ob es um soziale Arbeitskonflikte wie beim Streik von Bellinzona  geht oder um die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens: Vorwärts kommen wir nur, wenn wir aufeinander zugehen und das Gemeinsame suchen.

Sozialdemokratin sein heisst für mich, ein offenes Ohr zu haben. Ich bin neugierig und will verstehen: Wie denkt man, wenn man so denkt, wie das Gegenüber denkt? Nie habe ich so viel über meine eigenen Motive herausgefunden, wie wenn ich versuchte, den Blickwinkel meines Gegenübers einzunehmen. Erst im Spiegel der anderen erkennt man sich richtig.

Sozialdemokratin sein heisst für mich, für eine Schweiz des Miteinanders einzustehen. Wir sichern unseren Wohlstand nicht durch Ausgrenzung anderer. Wir werden nicht stärker, wenn wir andere schwächen. Oder wie es in der Bundesverfassung steht: „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.“

Sozialdemokratin sein heisst für mich, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, es heisst, den Werten Freiheit, Gleichheit und Solidarität Gestalt zu verleihen.

 
Kompromissfähigkeit und Verlässlichkeit

Manche von euch kennen mich noch als rothaarige, radikale und gelegentlich etwas selbstgerechte Jungpolitikerin. Das war auch ich! Doch irgendwann wurden die Haare etwas heller, und ich habe gemerkt, dass die Politik noch spannender wird, wenn man zuerst einmal zuhört.

Das habe ich in den letzten Wochen gemacht und habe viele Gespräche mit sehr unterschiedlichen Menschen geführt.

Die Gespräche drehten sich oft um die Frage, was es in der heutigen Zeit braucht, um im Bundesrat gute Arbeit leisten zu können. Ich hörte immer wieder dasselbe: Man will im Bundesrat Leute, die das Volk und das Parlament ernst nehmen, die verlässlich sind und zu unserer Konkordanz stehen.

Ich komme immer mehr zur Überzeugung: Die Konkordanz lebt nicht von Strukturen und Regierungsreformen. Sie lebt davon, dass wir als Politikerinnen und Politiker unsere Eigeninteressen und Eitelkeiten zurückstellen und stattdessen gemeinsame Lösungen ermöglichen. Aufgrund meiner Erfahrungen im Nationalrat glaube ich, dass ich im Bundesrat so arbeiten könnte.

Politik ist Teamarbeit. Als ehemalige Volleyballerin hat mich auch in der Politik das Zusammenspiel besonders motiviert. Dabei steht man manchmal im Rampenlicht, manchmal spielt man den entscheidenden Pass und manchmal zieht das Spiel an einem vorbei. Eines lernt man schnell: Gewinnen kann man nur gemeinsam.

Es war mir ein grosses Anliegen, diesen ersten öffentlichen Auftritt als mögliche Bundesratskandidatin gemeinsam mit euch hier in Winterthur zu erleben. Denn Winterthur ist mein Zuhause und ihr seid meine Basis. In Winterthur lernt man, aus wenig viel zu machen. Und in Winterthur lernt man, dass man alleine nicht sehr weit kommt. Von hier bin ich deshalb in die politische Welt aufgebrochen und habe Freundschaften über die Kantons- und Sprachgrenzen hinweg geknüpft. Ich habe dabei die Schweiz in ihrer ganzen Vielfalt kennen und lieben gelernt.

Etwas ist deshalb bereits an diesem heutigen Abend völlig klar: Ich werde mich weiterhin für das Wohlergehen der Menschen in diesem Land engagieren, egal ob als Bundesrätin oder als Nationalrätin – Hauptsache, ihr seid auch dabei.

Rede von Jacqueline Fehr
Rede von Stefan Feldmann, Präsident SP Kanton Zürich
Medienmitteilung der SP Kanton Zürich

Gespeichert unter: Allerlei,Allgemein

3 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Urs Loppacher  |  26. August 2010 um 22:13

    Liebe Jacqueline

    Sehr schön dein Text. Und alles Gute auf diesem Weg. Ich würde mich über einen Erfolg sehr freuen.

    Herzlich

    Urs

  • 2. Marc Spörri  |  27. August 2010 um 13:41

    Sehr geehrte Frau Fehr

    Ich möchte Ihnen auf diesem Weg viel Glück und Mut für die kommenden Wochen bis zur Abstimmung wünschen.
    Ich hoffe Sie können den medialen Angriffen sowie den Breitseiten einschlägig bekannter “Politvermieser” die alles von anders denkenden in den Dreck ziehen standhalten.
    Darf ich Ihnen ein wenig der nun kostbarer werdenden Zeit in Anspruch nehmen indem ich Ihnen ein paar meiner Gedanken mit auf den Weg gebe, danke.

    Einen Satz aus Ihrer Rede habe ich aufgegriffen:
    …Oder wie es in der Bundesverfassung steht: „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.“

    Je mehr man in der Welt herumkommt, je mehr man im Schweizer Fernsehen sieht (meiner Meinung nach einer der besten Fernsehsender), um so mehr wird einem der Inhalt dieses Satzes bewusst.
    Was nützt den Reichen aller erdenklicher Reichtum wenn sie diesen über Gebühr beschützen müssen (z. Bsp. gated communities in den USA) oder wenn Sie mit ihren teuren Aston Martins oder Rolls-Royce auf keiner befestigten Strasse mehr fahren können, weil es keine Leute mehr gibt die diese Arbeit ausführen können (weil es sich ja gemäss den “besser Verdienenden” um eine Arbeit für Schwache (sprich geistig minderbemittelte Leute) handeln soll).

    Ich muss Ihnen sagen, dass ich nicht SP-Wähler bin, aber es kann nicht angehen, dass die sozial Schwachen immer mehr an den Rand gedrängt werden, bis wir wieder soziale Unruhen gegenwärtigen müssen.
    Das Spannungsfeld zwischen der immer komplexer werden Menschenwelt und den nicht immer Schritt halten könnenden Schwachen (der Mensch ist ein Wesen der Natur und kann die geistige Kapazität nicht wie der Computerchip mit jeder Generation verdoppeln) ist eine der grössten Herausforderungen die die Welt in den nächsten Jahrzehnten annehmen muss.

    In der Schweiz ist meiner Ansicht nach das Gesundheitswesen die grösste weil kontinuierlich wachsende Baustelle. Wie um alles in der Welt lässt sich ein jährlicher Anstieg um durchschnittlich 4-6% seit der Einführung des KVG erklären. Das kann mir niemand glaubwürdig darlegen, weil es erwiesen ist, dass wir die falschen Massnahmen in die Wege leiten.
    Es werden Milliarden in die Spitzenmedizin investiert, nur dass diese Mediziner im Rampenlicht stehen können, wenn diese mit bis dahin noch völlig undenkbaren Operationen ein paar wenigen Menschen (meistens eben den gut Betuchten) helfen können.
    An der Basis aber werden die Gelder abgezogen. Es ist unverständlich, dass man den Versicherern Druck macht Hausarztmodelle zu unterstützen, diesen Hausärzten aber die Medikamentenabgabe verbietet, dann noch die Laborarbeit wegnimmt (nur um etwa 100 Mio. zu sparen), und denen zu guter Letzt auch noch die Pauschale für Hausarztbesuche streicht. Da muss sich niemand wundern wenn die Hausärzte bald der Vergangenheit angehören.
    Da muss gewaltig Gegensteuer gegeben werden, was aber verständlicherweise in einem 60 Mia. Fr. Markt sehr schwierig ist.
    Ich befürchte aber, dass hier in der Schweiz das Gesundheitswesen betreffend, Dinge ablaufen die lieber unausgesprochen bleiben (Mafia, kriminelle Machenschaften, Korruption usw.). Oder wie kommt es, dass ein scheidender Bundesrat Couchepin kurz vor Amtsende mit solch wässrigen Lösungen daher kommt.

    Das Gleiche ähnelt der Geschichte um William Wallace Ende des 13- Jahrhunderts in Schottland. Ein im Volk beliebter Freiheitskämpfer kämpft gegen die Engländer, während die Clansmen (Politiker) darüber stritten wem dieser “braveheart” wie am meisten bringen, und wie man daraus Profit schlagen könnte.

    Besten Dank für Ihre Zeit und alles Gute auch die private Situation betreffend.

  • 3. Doris Brülhart  |  28. August 2010 um 05:42

    Liebe Jacqueline

    Ich freue mich sehr über Deine Kandidatur, da ich überzeugt bin, dass deine herausragenden Kompetenzen in diesem Gremium und unserem Land dringend benötigt werden.
    Ich drücke der Schweiz die Daumen!

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