Nicht um den heissen Brei herumreden

6. Dezember 2011

Leserbrief vom 6. Dezember anlässlich der Publikation der PISA-Resultate für den Kanton Zürich

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Am Ausbau qualitativ guter Angebote für die kleinen Kinder führt kein Weg vorbei. Zu diesem Schluss kommt man unweigerlich bei Betrachtung der jüngst publizierten PISA-Resultate für den Kanton Zürich. Demnach hat jeder fünfte Jugendliche Probleme mit Lesen und Rechnen. Besonders betroffen ist die Risikogruppe der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Klar, dass es hier insbesondere an den Deutschkenntnissen hapert. Und klar ist auch, dass das Deutschlernen lange vor der Einschulung beginnen muss. Die Politik ist deshalb aufgefordert, die familienergänzenden Angebote für unsere Kleinsten quantitativ und qualitativ auszubauen. In Spielgruppen, Kitas und Tagesfamilien lernen kleine Kinder von Anfang an auf spielerische und ganz natürliche Weise unsere Sprache. Und zwar nicht, weil sie „unterrichtet“ werden, sondern aus eigener Motivation, weil sie sich für ihre Umwelt interessieren und sich mit ihren deutschsprachigen Gspändli austauschen möchten. Auch die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund brauchen Unterstützung. Am besten funktioniert das in Tagesschulen, wo beispielsweise die Hausaufgaben nicht einfach nach Hause delegiert werden, sondern die Hilfe durch eine Lehrkraft gewährleistet ist. Bund, Kantone und Gemeinden sollten endlich aufhören, um den heissen Brei herumzureden und sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. Die PISA-Resultate zeigen es einmal mehr: Wir müssen in die familienergänzende Betreuung, die frühkindliche Bildung und in Tagesschulen investieren. Denn so investieren wir in die Zukunft.

Gespeichert unter: Bildung stärken

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Sandra Tinner  |  12. Dezember 2011 um 15:05

    Liebe Jacqueline,

    zuerst mal vielen Dank, dass du unermüdlich an diesem Thema dranbleibst, denn ja: es ist SEHR wichtig!
    Ich habe diesbezüglich ganz konkrete Ideen (die aber selbst innerhalb der SP anecken, jedenfalls in der SP Stadt ZH):
    1. flächendeckend Tagesschulen, ohne Alternative, im ganzen Land, von z.B. 7h30 bis 18h30, betreute Hausaufgabenzeit, Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, etc.
    2. “Krippenpflicht” ab ca. Alter 9 Monate, mind. 2 Tage pro Woche.
    3. Krippenkosten dürfen nicht mehr derart hoch sein, dass konservativ strukturierte Familien diese gegen das 20%-Salär der Ehefrau abwägen können.
    4. An den “Krippenpflichttagen wird die Sprache spielerisch gefördert mit Erzählen, Vorlesen, Bücher anschauen, etc.
    5. früherer Eintritt in den Kindergarten
    6. früherer Eintritt in die Schule
    7. Sprachunterricht als Immersion: einzelne Lektionen werden direkt in einer anderen Sprache abgehalten, möglichst früh und Französisch schon ab 1. Primarstufe spätestens, da es keine “Teenie-Sprache” ist. Für Englisch bleibt noch lange genug Zeit.
    8. Wenn es mit der “Krippenpflicht” nicht klappt, müssten Eltern zu regelmässigen Weiterbildungstagen verpflichtet werden, an denen ihnen die Augen geöffnet werden, wie sie ihren Kindern Sprache näher bringen können. Mit 5, wenn die Kleinen endlich in den Kindergarten kommen, ist es zu spät.
    9. Aufwertung der damit zusammenhängenden Berufe wie ErzieherInnen, PrimarlehrerInnen, etc.
    10. Männer mehr in die Pflicht nehmen bei der Erziehung (Vaterschaftsurlaub, nicht nur freiwillig!)
    Herzliche Grüsse,
    Sandra

  • 2. jfehr  |  12. Dezember 2011 um 15:56

    Liebe Sandra

    Besonderen Dank für deine ausführlichen Überlegungen. Vieles davon (wie Obligatorien) ist in der Schweiz aber politisch nicht (schon gar nicht im jetzigen Klima) umsetzbar. Ich denke, dass wir wie so oft den Weg über die Praxis gehen müssen: konkrete Verbesserung des quantitativen und qualitativen Angebots, innovative Pilotprojekte, Best Practice Beispiele. Wenn die Eltern vom Nutzen der familienergänzenden Angebote überzeugt sind und die Angebote gleichzeitig auch finanzierbar sind (stimmt, ein Zweiterwerb sollte steuerlich nicht bestraft werden), werden sie auch genutzt. Die Politik muss aber wirklich endlich reagieren und die Rahmenbedingungen für eine solch positive Entwicklung setzen. Besondere Anstrengungen braucht es wohl, um gerade die Risikogruppen zu erreichen. Hier zeigt sich deutlich, dass Integration und Frühe Förderung zusammenarbeiten müssen.

    Herzlich.
    Jacqueline

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