Ein Land der Genossenschaften

12. Juli 2012

2012 ist das Internationale Jahr der Genossenschaften und der 7. Juli war der Internationale Tag der Genossenschaften. Anlass genug, um die Erfolgsgeschichten von Genossenschaften zu feiern, positive und negative Erfahrungen auszutauschen und über die Herausforderungen zu diskutieren, vor denen Genossenschaften in Zukunft stehen.

Weshalb Genossenschaften betriebswirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung kombinieren können, lesen Sie im Folgenden:

Die Schweiz ist ein Land der Genossenschaften. Mobility und Mobiliar, Coop und Migros, Raiffeisen und Universalsport – sie alle sind Genossenschaften. Knapp 10’000 Genossenschaften mit insgesamt etwa 6,7 Millionen Mitgliedern gibt es in der Schweiz. Sie verwalten zusammen ein Milliardenvermögen und sind auf dem Markt oft erfolgreicher als ihre Konkurrenz.

Genossenschaften gehören zur Schweiz wie Kaffee zum Frühstück. Die anspruchsvolle Landschaft zwang die Bauern schon im Mittelalter zu genossenschaftlichen Betriebsformen: Durch gemeinsame Nutzung der Alpweiden, mit Allmenden und einem gemeinwirtschaftlichen Säumereiwesen bewahrten sich die Bauern und Händler Grund und Boden als Gemeineigentum und schützten es vor Veräusserung.

Später kam Volg und dann Coop und Migros dazu. Noch heute geben bei der Versorgung mit Lebensmitteln die Genossenschaften den Ton an. Und davon profitieren wir bis heute. Wären Coop, Migros und Volg kapitalgetriebenen Eignern und nicht einer breiten Genossenschaft verpflichtet, wären die Löhne, aber auch die Preise für die landwirtschaftlichen Zulieferer deutlich tiefer. Damit müsste der Staat über die Sozialbudgets die Einkommen des Detailhandels subventionieren und das staatliche Landwirtschaftsbudget erhöhen. So wie wir das von unseren Nachbarländern kennen.

Mit anderen Worten. Wenn wir uns jeweils wegen unserer tiefen Staatsquote auf die Schultern klopfen, sollten wir uns bewusst sein, dass eine solche handfeste Gründe hat. Wie hoch die Staatsquote ist, hängt weniger mit der jeweiligen politischen Grosswetterlage zusammen, sondern viel mehr mit der Frage, ob im Tieflohnsegment Detailhandel und Landwirtschaft Unternehmen dominieren, die als Genossenschaften sozial und ökologisch verantwortlich und mit einer langfristigen Perspektive handeln oder ob eine Unkultur von Lohn- und Preisdruck zwecks besserer Rendite und höherer Dividenden den Ton angibt.

Eine volkswirtschaftlich entscheidende Rolle spielen auch die Wohnbaugenossenschaften. Ähnlich wie bei den Detailhändlern hat ihre Existenz direkt mit dem Aufwand der öffentlichen Hand zu tun. Je höher der Anteil an Genossenschaftswohnungen in einer Stadt, desto geringer die Aufwände für Mietzuschüsse und Ergänzungsleistungen durch die öffentliche Hand. Oder anders gesagt: Hätte Zürich keine Genossenschaften, würde das Sozialbudget stark anwachsen. Und hätten Genf, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur, Luzern und St. Gallen deutlich mehr Genossenschaftswohnungen, könnten sie ihre Sozialbudgets massiv entlasten. Und die Menschen mit bescheidenen Einkommen würden Wohnungen finden, die sie zahlen und in denen sie angenehm leben könnten.

Genossenschaften sind keine caritativen Unternehmen. Das zeigen die Beispiele Raiffeisen und Mobiliar. Aber sie sind demokratischer und damit auch regional besser verankert. Und krisenresistenter. Die Bilanz meinte dazu schon vor zwei Jahren: „Die Krisenjahre 2008 und 2009 scheinen spurlos an den Genossenschaften vorübergegangen zu sein. Die grossen Gruppen haben nur Gewinne geschrieben.“ Zu den Gründen für den unternehmerischen Erfolg meint Urs Berger, damals designierter Verwaltungsratspräsident der Mobiliar: „Wir können langfristig denken und disponieren. Nicht der schnelle Erfolg steht im Vordergrund, sondern der Nutzen für Kunden und Gesellschaft.“ Dass solches Denken unternehmerischen Erfolg einträgt, macht Freude.

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